Malerei in Weiß

 

Meine Bilder sind ungegenständlich. Es gibt für meine Kompositionen keine Vorbilder (Figur, Landschaft, Gebäude, Gegenstände usw.) die verrätselt werden. Die Darstellungen sind frei erfunden. Ich plane nicht vorher, wie die Flächen, Linien und Strukturen im Bild verteilt sein sollen. Die Komposition und der Ausdruck der Darstellung entstehen während der Arbeit mit dem Material.

 

Meine Bilder sollen Ausgeglichenheit, Ruhe und Ästhetik vermitteln. Die Aussagen ergeben sich nicht kognitiv, sondern emotional, "aus dem Bauch". Es kommt vor, dass das Bild während der Arbeit eine spezielle Fortsetzung fordert, den Malvorgang direkt beeinflusst. So etwas ist nicht erklärbar, aber es ist erlebbar.

 

Warum Weiß ?

Sehr oft habe ich - vor meiner ausschließlichen Weißmalerei - erlebt, dass ich ein farbkräftig begonnenes Bild als unfertig empfunden habe und nach einer Aufhellung verlangte. Am Ende wurde das Bild immer weißer. Die Untermalung hatte aber den Charakter des Weiß verändert. So ergaben ockerfarbige, erdige Untergründe ein warmes, blaue und grüne Unterlagen verschieben das Weiß in den kalten Bereich. Schon minimale Mengen an Pigmenten, die der weißen Farbe beigemischt werden, können den Ausdruck des Weiß nachhaltig und erheblich beeinflussen.

 

Weiß steht für Helligkeit, Klarheit, Licht. Weiß beinhaltet in der additiven Farbmischung alle Farben. "Es ist ein Schweigen, welches nicht tot ist, sondern voll Möglichkeiten", "ein Nichts, welches vor dem Anfang, vor der Geburt ist" (Kandinsky in : Über das Geistige in der Kunst 1912).

 

Eine weiße Fläche reflektiert das auffallende Licht. Ein weißes Bild ändert seine Farb-Wirkung im Tagesverlauf. Es regiert auf Unterschiede in der Helligkeit, wenn die Sonne oder ein Schatten darauf fallen. Es macht einen großen Unterschied, ob die Farbe matt ist oder hochglänzend noch zusätzliche Reflexionen zeigt. Durch die Verwendung "farbfremder" Materialien (Aluminiumfolie, Spiegelfolie, Glaskügelchen, Silber) können zusätzliche, überraschende Reflexionen provoziert werden, die sich aus verschiedenen Betrachtungsrichtungen ergeben. Bei der Einarbeitung von Unebenheiten ins Bild mit Spachtelmasse, Sand, Steinchen usw. entstehen Schatten in Grautönen, die mit malerischen Mittel nicht erreicht werden können. Lineare Elemente mit Kupfer-, Messing- oder Aluminiumdraht, bringen eigene, materialabhängige Farb- und Reflexionswirkungen.

 

Meine Rahmen aus gebürstetem Aluminiumprofil sind 1 cm größer als das Bildformat, so entsteht eine Schattenfuge, die das Bild gegen die Umgebung abgrenzt. So wird vermieden, dass das weiße Bild auf einer weißen Wand "verschwimmt". Das Bild behauptet sich als eigene Realität in seiner Umgebung.

 

Meine Faszination für Weiß ist ungebrochen und ich werde weiter versuchen, neue "weiße Bilder " zu erfinden. Die Betrachter/innen sollten die Kompositionen aufmerksam und genau anschauen, dann lassen sich die Geschichte und der Ablauf der Herstellung des Bildes erleben und nachvollziehen.

 

 

Hans Trusheim